Steffisburg | 22. Juni 2020
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Im Wheelie am Hartlisberg auf den Mount Everest

127 Mal ist Manuel Scheidegger mit dem Velo die 70 Höhenmeter auf den Hartlisberg gefahren – nur auf dem Hinterrad notabene. «Everesting» nennt der 40-jährige «Wheelie»-Rekordhalter die Spendenaktion für das Hilfswerk «wheels4nepal».
von Bruno Stüdle
Manuel Scheidegger geniesst am Samstagmorgen mit «Sherpa» Patric Eichelberger die Aussicht auf dem Hartlisberg.
Manuel Scheidegger geniesst am Samstagmorgen mit «Sherpa» Patric Eichelberger die Aussicht auf dem Hartlisberg.Fotos: Bruno Stüdle

Manuel Scheidegger ist in Sachen Hinterradfahren auf dem Velo kein Unbekannter. Am 13. Juni 2015 stellte er mit 25,72 Kilometer einen neuen Wheelie-Stunden-Weltrekord auf. Inzwischen ist der Steffisburger überboten worden, deshalb plant er im Herbst eine neuerliche Attacke auf den Weltrekord. Trainingshalber ist er kürzlich auf dem Hinterrad von Steffisburg auf den Schallenberg gefahren – in 58 Minuten! Das schaffen nicht viele Hobbygümeler auf zwei Rädern …

Dass er in bestechender Form ist, bewies Scheidegger auch am Wochenende: In rund 21 Stunden ist er 127 Mal die rund 850 Meter lange Strecke von der Kreuzung Flühlistrasse/Hartlisbergstrasse bis zur Kreuzung Panoramaweg nach dem Restaurant Hartlisberg auf dem Hinterrad hochgeradelt. 127 mal 70 Höhenmeter gibt nach Adam Riese exakt 8890 Meter. Am Samstag gegen 16.00 Uhr hat Manuel Schneeberger damit sein «Everesting» Ziel gar übertroffen – der höchste Berg der Welt ist ja «nur» 8848 Meter hoch.

«Das einfachste der Welt» hat man das Gefühl, wenn man Manuel Scheidegger beim perfekten und lockeren «Wheelie» zuschaut.
«Das einfachste der Welt» hat man das Gefühl, wenn man Manuel Scheidegger beim perfekten und lockeren «Wheelie» zuschaut.
In 21 Stunden auf den Mount Everest

Er sei «überglücklich», freute sich Scheidegger nach der letzten Runde und dem Erreichen des Ziels, «Aufmerksamkeit für die Spendenaktion 'wheels4nepal' zu erlangen.» Am Freitagabend um 19.00 Uhr ist er zur ersten Runde gestartet und dann eben rund 21 Stunden fast durchgefahren. «Er fährt immer etwa sechs Runden und macht dann eine Viertelstunde Pause. Pro Runde braucht er zwischen sechs und sieben Minuten», erklärt Stefan Urfer. Er ist einer von rund zehn «Sherpas» und zwanzig Betreuern, welche den «Wheelie-König» abwechslungsweise begleiteten – auf zwei Rädern notabene.

Am Samstagmorgen treffe ich Manuel Scheidegger zum Interview. Während er locker seine Runden auf den Hartlisberg dreht, japse ich mit dem E-Bike nebenher und stelle meine Fragen. Wir radeln jetzt virtuell gerade am Khumbu-Gletscher auf 5900 Meter über Meer vorbei …

Du fährst jetzt nach 15 Stunden um 10.00 Uhr morgens zirka zum 70. Mal auf den Hartlisberg. Auf welcher Höhe bist du zurzeit am Mount Everest?

Manuel Scheidegger: Vor einer Stunde haben wir das Basecamp auf 5400 Meter über Meer passiert, da habe ich mir einen Tee gegönnt. Jetzt haben wir den Khumbu-Eisbruch hinter uns – eine ganz gefährliche Passage, wo man in Felsspalten stürzen kann. Das haben wir bravourös gemeistert. Bald kommen wir dann ins Tal des Schweigens. Das wird sich einige Zeit hinziehen. Dann folgt die Lhotseflanke auf 6800 Meter über Meer, da wo Ueli Steck zu Tode gestürzt ist. Ich hoffe, dass ich sie meistern kann – aber ich bin ja zum Glück hier in der sicheren Schweiz unterwegs.

Ich habe zum Glück immer einen «Sherpa» dabei – der Austausch, die Ablenkung und das gute Zureden sind in solchen Momenten Gold wert.

Manuel Scheidegger Berufsschullehrer Steffisburg


Wie war es in der Nacht mit der Müdigkeit – hat es dich nicht unter die Bettdecke gelockt?

Ich habe mich zweimal kurz hingelegt, aber der Körper war so im Betriebsmodus, der wollte nicht schlafen. Schwieriger als die Müdigkeit war die Dunkelheit in der Nacht. Ich habe zum Glück immer einen «Sherpa» dabei – der Austausch, die Ablenkung und das gute Zureden sind in solchen Momenten Gold wert. Als die Sonne aufging, habe ich mich sofort wieder sehr viel besser gefühlt.

«Eine Viertelstunde Wohltat: Nach 15 Stunden Hinterradfahren werden die stechenden Schultern massiert.
«Eine Viertelstunde Wohltat: Nach 15 Stunden Hinterradfahren werden die stechenden Schultern massiert.
8848 Höhenmeter auf dem Velo – da verbraucht man schon auf zwei Rädern sicher auch über 8000 Kalorien Treibstoff? Wie ernährst du dich während «Everestings»?

Ich habe meinen Ernährungsplan in Stunden eingeteilt. Pro Stunde brauche ich etwa 80 Gramm Kohlenhydrate. Davon nehme ich das meiste flüssig zu mir, in Form von speziellen Sportlergetränken und ich esse Unmengen von Riegeln. Es ist aber nicht eine einfache Geschichte – man muss immer darauf schauen, dass der Magen die Prozedur auch mitmacht.

Was braucht es, um so etwas Verrücktes zu schaffen?

Das sind mehrere Faktoren – vor allem viel trainieren und extrem wichtig ist das Team. Ich bin der, der einfach nur fährt. Rein mental hätte ich schon lange aufgegeben, wenn ich alleine unterwegs wäre. Die Unterstützung in all den vielen, auch kleinen Dingen, puscht mich extrem.

Wie wichtig ist der mentale Bereich

Untrainiert kann man sowas natürlich nicht machen. Aber je länger so ein «Wettkampf» dauert, desto wichtiger wird die Kopfarbeit. Wenn ich anfangs an die 8848 Höhenmeter vom Mount Everest gedacht hätte, wäre ich vermutlich gar nicht erst aufs Rad gestiegen. Ich muss mir Abschnitte vorstellen, also so, dass ich in der ersten Stunde soundsoviel Höhenmeter machen will.

Geschafft: Nach rund 21 Stunden wird Manuel Scheidegger, begleitet von Fans und Betreuenden auf dem Mount Everest am Hartlisberg empfangen.
Geschafft: Nach rund 21 Stunden wird Manuel Scheidegger, begleitet von Fans und Betreuenden auf dem Mount Everest am Hartlisberg empfangen.
Welches ist im mentalen Bereich dasjenige Erfolgsrezept?

Für mich ist es der sinnvolle Hintergrund mit dem Spendenprojekt. Das spornt mich extrem an, wenn ich leide. Wenn man etwas Sinnvolles machen kann, egal in welchem Bereich des Lebens, dann ist man bereit alles zu geben und über die Grenzen hinaus zu wachsen.

Ich wusste sofort, da wartet eine Aufgabe auf mich.

Manuel Scheidegger Wheelie-König Steffisburg


Mit «Sinnvollem» sprichst du das Projekt «wheels4nepal» an – wie ist das zustande gekommen?

Meine Frau ist in Nepal geboren – ihre Eltern waren fünf Jahre in einem Projekt für einen Spitalneubau in Nepal engagiert. Meine Frau hat mir im Jahr 2011 das Land gezeigt und da haben wir per Zufall ein Waisenheim besuchen können. Vom Heim aus haben die Leiter den Kindern in der Stadt jeden Tag mit dem Velo Essen gebracht. Ich als Velofahrer konnte es kaum glauben, wie sie ausgerüstet waren – die Velos waren in einem desolaten Zustand, sie hatten zum Teil keine Bremsen oder nur noch den halben Lenker. Ich wusste sofort, da wartet eine Aufgabe auf mich.

Und so kam das ganze ins Projekt im wahrsten Sinne des Wortes ins Rollen?

Genau. Ich setzte mich also mit den Verantwortlichen des Heims in Kontakt. Da hat mir der Heimleiter gesagt, er trage schon lange die Idee für ein Resozialisierungsprojekt mit sich – ob ich nicht bereit wäre so ein sportliches Bikeprojekt auf die Beine zu stellen? Das habe ich dann gemacht.

Und seither sammelt ihr Geld. Laut den Infos auf der Website www.wheels4nepal.ch habt ihr schon verschiedene Projekte finanziert. Mit dieser Aktion wird jetzt Geld für das Waisenkinderprojekt gesammelt. Was ist das Ziel?

Das Hauptziel ist, eine Velo-Werkstatt aufzubauen. Dazu brauchen wir ein Gebäude, Werkzeuge und andere Infrastrukturen, und vor allem auch diverse Bewilligungen. Wir rechnen mit Kosten von rund 20'000 Franken – im Moment sind wir bei zirka 6000 Franken.

«Champagner für den Champion: Scheideggers Jubelfeier nach der Erstbesteigung.
«Champagner für den Champion: Scheideggers Jubelfeier nach der Erstbesteigung.
Warum machst du das Projekt auf dem Hinterrad – 8848 Höhenmeter bedeuten ja schon auf zwei Rädern eine sehr grosse Herausforderung …

Einerseits sind Tricks auf dem Velo meine grosse Leidenschaft. Und andererseits habe ich 2015 für unser erstes Spendeprojekt für «wheels4nepal» einen neuen Stundenweltrekord auf dem Hinterrad aufgestellt. Und ja, die Spendenaktion Everesting und das Wheelie fahren passen doch irgendwie zusammen – und sie versprechen Aufmerksamkeit für eine gute Sache.

Wer ist eigentlich der Manuel Scheidegger, wenn er nicht gerade auf dem Hinterrad durch die Gegend fährt?

Ich werde in diesem Jahr 40, bin Berufsschullehrer an der Berufsschule in Thun. Ich wohne in Steffisburg, bin verheiratet und habe einen fünfjährigen Sohn …

… der ist sicher auch schon ein Profi in Sachen Wheelie?

Nein, dieses Projekt steht noch auf meiner To-do-Liste.

Ich bin überglücklich! Die letzten 2000 Höhenmeter bin ich fast den Berg hinaufgeflogen.

Manuel Scheidegger Initiant «wheels4nepal» Steffisburg


Jetzt ist es kurz nach 16.00 Uhr. Die 8848 Höhenmeter sind geschafft, und du siehst locker aus. Wie fühlst du dich nach der Bezwingung des Mount Everest?

Ich bin überglücklich! Es hat mich extrem motiviert, dass so viele Leute gekommen sind und mich angefeuert und unterstützt haben. Die letzten 2000 Höhenmeter bin ich fast den Berg hinaufgeflogen.

Und wie geht es dem Gesäss?

Tipptopp! Einzig die Schultern spüre ich etwas.

«Gruppenbild mit dem «Wheelie-König und einem Teil seiner Betreuerinnen und Betreuern.
«Gruppenbild mit dem «Wheelie-König und einem Teil seiner Betreuerinnen und Betreuern.
Hilfe für obdachlose und verwahrloste Kinder

Auf der Website von «wheels4nepal» wird das Hilfsprojekt wie folgt beschrieben:

«Die obdachlosen Street-Kids in Pokhara sind meistens stark verwahrlost und kennen keine sozialen Umgangsformen. Zudem sind sie sehr misstrauisch und es ist schwierig einen Zugang zu ihnen zu finden, auch wenn man ihnen helfen möchte.

Wie ein Magnet wirken da sportliche Aktivitäten, bei denen sie mitmachen können. Gerade bei den etwas älteren Street-Kids sind die Fahrrad-Touren der Renner. Auf diesen Touren müssen sich die Kids mit der Natur, mit sich selbst und den anderen Touren-Mitgliedern auseinandersetzen.

Resozialisierung und sinnvoller Freizeitbeschäftigung

Leider hat das örtliche Kinder. und Jugendhilfswerk «Indreni» aber keine fahrtüchtigen Bikes. Es ist geplant, mit den gespendeten Bikes kleinere und grössere Bike-Touren mit den Strassen-Kids zu unternehmen. Die körperliche Herausforderung aber auch die technischen Fähigkeiten stehen dabei im Vordergrund. Das Ziel ist, grössere Touren wie Manang-Valloey oder Jomsom bestreiten und überstehen zu können. Dies alles steht im Licht von Drogenentzug, Resozialisierung und sinnvoller Freizeitbeschäftigung der Strassen-Kids.

Warten und Reparieren

Ein weiteres Ziel ist, verantwortungsbewussten Strassen-Kids das Warten und Reparieren der Bikes zu vermitteln. Auf diese Weise erhalten sie eine Ausbildung im Sinne einer einfachen Berufslehre als Fahrradmechaniker.

Zudem werden die Bikes für den Einsatz und Transport von den Indreni-Mitarbeitenden in die Schulen und Quartieren benutzt. Täglich schwärmen diese Leiter mit den Bikes aus, um in den verschiedenen Stadtteilen von Pokhara Programme durchzuführen, Street-Kids zu erreichen und ihnen Essen zu bringen.»

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