
Warum wollen Sie in den Ständerat?
Sandra Hess: Ich möchte in den Ständerat, weil dieser Rat die Kantone zu vertreten hat. Es würde mich sehr freuen, wenn ich mich für die Interessen der Schweiz und ganz besonders für diejenigen des Kantons Bern einsetzen könnte. Als Stadtpräsidentin von Nidau und Grossrätin habe ich die nötige politische Erfahrung, um dieses Amt mit Sorgfalt und viel Wissen ausführen zu können.
Was tun Sie für die Landbevölkerung?
Als Vorstandsmitglied von Netzwerk «seeland.biel/bienne», welches 61 mehrheitlich ländliche Gemeinden im Seeland umfasst, setze ich mich für Themen ein wie Raumplanung und Alter, Sicherung der hausärztlichen Versorgung oder für die Siedlungs-, Landschafts- und Verkehrsentwicklung. Dabei ist mir wichtig, dass städtische und ländliche Themen unterschiedlich sein können und die Stadt nicht über das Land bestimmen kann.
Was erwarten Sie von der Landbevölkerung?
Mit dem Wachstum der städtischen Bevölkerung, der Verdichtung des Siedlungsraumes und des Klimawandels steigt in den Städten der Bedarf an wohnortsnahen Frei- und Grünräumen. Dies verlangt von der Stadt und von den peripheren ländlicheren Gemeinden ein Netz von attraktiven und gut zugänglichen Freiräumen.
Die Bevölkerung in der Schweiz wächst und wächst. Dichtestress, Wohnungsnot, Verkehrskollaps, Energiemangel unter anderem sind die Folgen – wie lösen Sie das Problem der laut SVP «masslosen Zuwanderung» human und unter Einhaltung des internationalen Rechts?
Der eine Teil der Zuwanderung ist eine von der Wirtschaft und der Gesellschaft gewünschte und benötige Migration. Unser Land ist auf ausländische Fachkräfte und Wissenstransfer angewiesen. Sie sind eine der Grundlagen für Innovation, Wettbewerbsfähigkeit und Wohlstand. Der andere Teil der Zuwanderung ist die Migration durch Flüchtlinge. Die Asylverfahren müssen rasch geführt, und wer einen positiven Entscheid erhält, muss so schnell wie möglich integriert werden. Für die Abgewiesenen braucht es Rücknahmeabkommen mit sicheren Drittstaaten. Grundsätzlich handelt es sich um eine gesamteuropäische Herausforderung, die gemeinsam gelöst werden muss. Dazu muss auch die Schweiz ihren Beitrag leisten.
Was ärgert Sie und was freut Sie?
Ärgern tut mich: Wenn Politiker und Politikerinnen Entrüstung und gefühlte Wahrheit zum Spielball der Demokratie werden lassen. Freuen tut mich: Wenn ich mit positiv denkenden Menschen zusammen sein darf.
In den letzten Jahren wurde der «Service public» mehr und mehr (teil)privatisiert und gefühlt massiv verteuert. Wie erklären Sie den Wählenden, dass es richtig und nötig ist, mit der staatlichen Grundversorgung der Bevölkerung maximierte Gewinne zu erzielen?
Alle Dienstleistungen, welche vom Staat geregelt werden und somit zum Service public gehören, müssen für alle Bevölkerungsgruppen erschwinglich sein. Unser Service public darf nicht auf Gewinnmaximierung ausgerichtet sein.
Was nehmen Sie mit auf die oft erwähnte «einsame Insel» und warum?
Meinen Mann. Er ist handwerklich geschickt, hat einen tollen Humor und hat deutlich weniger Angst vor wilden Tieren als ich.
Ein Gesetz, das ich behalten würde: Das Gesetz über die lebenslängliche Verwahrung extrem gefährlicher Straftäter

Bürokratie und Überreglementierung sind vielen Menschen im Lande ein Dorn im Auge. Welches Gesetz würden Sie sofort abschaffen und welches auf keinen Fall?
Abschaffen würde ich: das Verbandsbeschwerderecht im Heimatschutzgesetz für kleinere Bauprojekte in Bauzonen. Behalten würde ich: das Gesetz über die lebenslängliche Verwahrung extrem gefährlicher Straftäter.
Was gibt Ihnen mehr Sicherheit – eine starke Armee oder ein gesundes Klima?
Unsere drei grössten Bedrohungen sind Krieg, Klimawandel und Wirtschaftskrisen. Mit dem Wissen von heute und dem Krieg in der Ukraine sowie dem drohenden Konflikt zwischen China und Taiwan hat eine starke Schweizer Armee nach 30 Jahren der Abrüstung wieder eine ganz neue Bedeutung erlangt. Demgegenüber ist ein gesundes Klima das Fundament allen Lebens. Eine Aussage zu meinem subjektiven Sicherheitsrating müsste mindestens eine Halbwertszeit von einem Jahr haben, dies erscheint mir angesichts der beiden grossen Sorgen nicht möglich.
Wie sieht Ihre Schweiz im Jahr 2050 aus?
Wahrscheinlich nicht viel anders als heute. Dank vielen technologischen Erfindungen und grossen neuen Entwicklungen werden wir unsere Energie dank Wind, Wasser und Sonne selbst produzieren. Unsere Heizungen und die gesamte Mobilität wird weitgehend dekarbonisiert sein. Viele Arbeiten werden von KI übernommen worden sein, andere werden dank KI anders erledigt, aber manches wird auch noch genau so gemacht werden wie heute. Städte werden noch mehr verdichtet und begrünter sein.
Die Menschen werden immer noch nach mehr Glück, Wohlstand, Gesundheit, Individualität und Freiheit streben. Nach sieben Millionen Jahren der Evolution werden wir Menschen uns in 27 Jahren nicht grundlegend verändert haben.
Zur Person
Name (Alter): Sandra Hess (50)
Partei: FDP
Wohnort: Nidau
Zivilstand (Kinder): verheiratet, zwei erwachsene Töchter
Beruf: Kauffrau, Stadtpräsidentin Nidau
Aktuelle politische Ämter: Grossrätin
Verbände/Vereine/Mandate: Vize-Präsidentin Gewerbeverband Berner KMU, Vorstand Schweizerischer Gemeindeverband, Vorstand HIV Biel-Seeland/Berner Jura, Vize-Präsidentin Verwaltungsrat Energieverbund Bielersee AG, Verwaltungsratsmandate bei der Höheren Fachschule für Technik Mittelland und der Bielersee Schifffahrtsgesellschaft AG.


